karlsruher appell für eine gesellschaft ohne prostitution

Weder Sex noch Arbeit – Überlebende der Prostitution in Karlsruhe

Der Abend im Cafe Palaver ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Rosen Hicher und weitere Überlebende der Prostitution sind gekommen um von ihrem Kampf gegen die Prostitution zu berichten. Aufgebrochen sind sie zwei Tage zuvor in Straßburg beim Europarat. Sie befinden sich auf einem Marsch nach Mainz, wo vom 3. bis 5. April der Weltkongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen stattfinden wird. In Karlsruhe haben sie einen Zwischenstopp eingelegt.

Prostitution – ein System der Gewalt

Der Abend beginnt mit einem Redebeitrag von Frau Dr. Ingeborg Kraus, der international bekannten Feministin und Aktivistin, die sich für die Abolition, die Abschaffung der Prostitution einsetzt. In ihrer Keynote bringt sie es gleich auf den Punkt: „Wenn man Prostitution als Sexarbeit bezeichnet – was ist dann das Arbeitswerkzeug?“ fragt sie – und kommt zu dem Schluss: „Die Vagina einer Frau!“. Das ist die erste einer Reihe sehr unbequemer Wahrheiten, die an diesem Abend zur Sprache kommen und die eigentlich so niemand recht hören möchte. Sie beschreibt das System der Prostitution in klaren Worten als System der Gewalt mit den entsprechenden Folgen für die Frauen, die fast alle an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Scharf kritisiert sie die liberale deutsche Politik, die Zuhälter und Bordellbetreiber stärkt und damit die massenhafte sexuelle Ausbeutung von Frauen staatlich legitimiere. „Welche Botschaft wird der Gesellschaft damit vermittelt?“, fragt sie und gibt dazu folgende Antwort: „Die Legalisierung und Normalisierung der Prostitution kommt einer Kapitulation gegenüber der Gewalt gegen Frauen gleich. Frauen wird signalisiert, dass sie Männern sexuell zur Verfügung stehen müssen. Sie zementiert eine diskriminierende geschlechterhierarchische Einstellung von Männern gegenüber Frauen. Männern wird signalisiert, dass sie Sex brauchen, dass sie eine regelmäßige Triebabfuhr brauchen um stabil zu bleiben um nicht sexuell übergriffig zu werden. Nach dieser Logik, haben sich also Männer nicht im Griff: das ist die versteckte Botschaft die das System Prostitution vermittelt. Wenn es wirklich so wäre, dann müssten wir unser Grundgesetz schnellstens ändern. Denn dann wären Männer und Frauen nicht gleichgestellt. Wir müssten daraus ableiten, dass die Frau ein höheres Wesen ist. Denn Emotionsregulation und Frustrationstoleranz sind wichtige zivilisatorische Errungenschaften. Es ist falsch zu glauben, dass männliche Sexualität nicht kontrollierbar ist. Männer haben einen neuen Weg zu erlernen, wie sie mit Frustration umzugehen haben und das in vielen Bereichen. Deshalb ist die Einführung eines Sexkaufverbots fundamental wichtig, gerade deshalb, weil wir (noch) an den Mann glauben. Wenn es nicht so wäre, dürfte kein einziger Mann ein Amt mit Macht besetzen oder allein aus dem Haus gehen. Er wäre eine Gefahr für die Gesellschaft.“

Die Loverboy-Methode

Danach ergreift Sandra Norak das Wort, eine einfühlsame und eloquente junge Frau, angehende Juristin. Sie spricht ganz offen über ihre Zeit in der Prostitution und über die Verführung durch einen so genannten Loverboy. Dieses System gaukelt Liebe vor und hat doch nur sexuelle Ausbeutung zum Ziel. Die Unschuld und Gutgläubigkeit junger Mädchen wird hier gezielt ausgenutzt um sie gefügig zu machen. Sie beschreibt in klaren Worten die grausame Erfahrung der ersten Begegnung mit einem Freier. Ein traumatisches Erlebnis, bei dem sie Ekel, Scham und Trauer so stark unterdrücken muss, dass es ihr danach nicht mehr möglich ist, diese zutiefst menschlichen Gefühle zu empfinden. Es brauche auch nicht viele Jahre in der Prostitution um innerlich zerstört zu werden – gebrochen sei man schon nach der ersten Vergewaltigung. Wäre ein Staat da gewesen, der sie geschützt hätte, wäre es nie so weit gekommen. Die Verharmlosung der Prostitution und Darstellung als „Beruf“ habe aber eine so starke Pull Funktion dass es sehr leicht sei, in das System hineinzurutschen. Die Rede von der guten „freiwilligen“ Prostitution sei ebenfalls irreführend, denn was ein Mann mit einem teuren Escort Girl im Hotelzimmer mache, unterscheide sich kaum von dem, was eine Prostituierte auf dem Straßenstrich erlebt, die durch den Push Faktor Armut in die Prostitution abgerutscht sei. Sechs Jahre habe es bei ihr gebraucht, um aus der Prostitution herauszutreten und alles in Frage zu stellen. Heute berät sie Frauen, die ebenfalls in dieses System hineingeraten sind. Eine große Verantwortung schiebt sie dem Staat zu, der durch seinem liberalen Umgang mit der Prostitution diese traumatischen Erfahrungen vieler Frauen billigend in Kauf nimmt.

Marsch im „Bordell Europas“

In den Interviews mit den Überlebenden wird deutlich, wie zerstörerisch Prostitution auf Frauen, auf Männer und damit auf die ganze Gesellschaft wirkt. Rosen Hicher, die mit ihrem jahrelangen Engagement gegen die Prostitution die Politik in Frankreich maßgeblich beeinflusst hat, befindet sich auf einem Marsch. Sie läuft mit einer Gruppe Überlebender vom Europarat in Straßburg bis nach Mainz, wo vom 3. bis zum 5. April der internationale Kongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen stattfindet. Sie erzählt, wie sie selber jahrelang versucht hat, die Prostitution zu verharmlosen, um darin überleben und es vor sich selbst rechtfertigen zu können. Heute möchte sie mit ihren Märschen und ihrem Einsatz für die Abolition auf die Gefahren und die Brutalität der Prostitution aufmerksam machen und vor allem die Politiker wachrütteln, die besonders in Deutschland, dem „Bordell Europas“, die Augen vor der massenhaften sexuellen Ausbeutung verschließen.

Vom sexuellen Missbrauch in die Prostitution

Eine weitere Überlebende, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung als Junge auf die Welt kam und in einem Waisenhaus aufwuchs, erzählt, dass sie als Neunjähriger mit der größten Selbstverständlichkeit sexuelle Handlungen an sich vornehmen ließ, um dafür mit einem Bonbon belohnt zu werden. Alle Jungs hätten das getan, sagt sie und es habe immer Männer gegeben, die sie anfassen wollten und ihnen dafür Süßigkeiten gaben. Niemand war da, um sie davor zu schützen oder sie über die Folgen aufzuklären. So lernte sie, dass man etwas geschenkt bekommt, wenn man seinen Körper preisgibt. Zur Prostitution sei es dann nur noch ein kleiner Schritt gewesen. Einen großen Unterscheid habe sie dann beim Umgang der Freier zunächst mit ihr als Mann und später als Frau erlebt: so wären sie plötzlich sehr viel brutaler mit ihr umgegangen, als sie weiblich war. Als Mann habe sie sich noch gegen Übergriffe wehren können und die Gewaltbereitschaft der Freier war entsprechend geringer. Zur Frage nach ihrem Blick auf die Männer sagt sie, dass es immer wieder Freier gebe, die einer Prostituierten Schmerzen zufügen und sie erniedrigen wollen. Auch sie sei schon so stark verletzt worden dass sie nur knapp mit dem Leben davongekommen sei.

Pornografie – sexualisierte Gewalt im Film

Zur Frage der Pornografie, die aus dem Publikum kommt, hat sie etwas zu sagen: Pornografie sei nicht weniger schlimm als Prostitution und sexualisierte Gewalt an Frauen, die auch noch gefilmt wird. Das Schlimme daran sei, dass diese entwürdigenden Szenen dann im Internet extistieren und zigtausendmal downgeloadet werden können. Sie habe erlebt, wie die Frauen weinen, wenn die Tortur vorüber sei. Viele von ihnen leiden unter ernsthaften körperlichen Verletzungen. Das sei die Realität. Jeder Mann, der vor einem Pornovideo masturbiere, solle sich klarmachen, dass er das vor den Augen einer sexuell misshandelten Frau tut.

Zu diesem Thema ergreift die jüngste unter den Überlebenden das Wort und erzählt, dass auch sie mit Filmmaterial, das man von ihr gemacht habe, dazu erpresst worden sei, weiter in der Prostitution zu arbeiten. Die junge Frau, die einem Gemälde von Renoir entstiegen sein könnte, erzählt der Übersetzerin mit leiser Stimme von ihrem Schicksal und dem immer wieder kehrenden Entsetzen darüber, wie ein Stück Fleisch behandelt und damit auf eine gewisse Art auch entmenschlicht worden zu sein. Und dass die Freier glauben, alles mit einer Frau machen zu können, wenn sie dafür bezahlt haben.

Prostitution verändert den Blick auf die Männer

Eine weitere Überlebende berichtet davon, wie sich in der Prostitution ihr Blick auf die Männer verändert habe. Jeder Mann auf der Straße ist ein potentieller Freier, sagt sie. Bei ihren Kunden fragte sie sich stets, was hat er für einen Schwanz, worauf wird er wohl stehen und wie viel Geld hat er. Zu ihrer Situation als Ehefrau, deren Mann ins Bordell geht, sagt sie, dass dies zerstörerisch für eine Beziehung sei, denn mit einer Prostituierten könne sie nicht konkurrieren. Diese Situation setze Frauen extrem unter Druck und bringe sie dazu, ihren Männern Sexualpraktiken zu gewähren, die sie nicht wollen, nur um zu verhindern, dass sie zu einer Frau gehen, mit denen sie für Geld alles machen können. Zum Thema Pornos sagt sie, dass es hier immer weitere und noch extremere Entwicklungen gebe, wie z.B. live Streaming. Da sitzt dann irgendwo ein Mann, der sich live einen Film anschaut und Anweisung geben kann, was mit der Frau zu machen ist.

Zeit zu handeln: die Karlsruher Erklärung

Einig ist man sich an diesem Abend darüber, dass Prostitution ein System der Gewalt und des Sexismus ist, dass es das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, zwischen Armen und Reichen verfestigt, dass es Beziehungen zerstört und junge Männer mit dem Gefühl aufwachsen lässt, sie können sich jederzeit eine Frau kaufen. Und dies alles geschieht mit dem Einverständnis eines Staates, der sich im Grundgesetz dazu bekennt, die Gleichbehandlung von Männern und Frauen aktiv zu fördern.

An diesem Abend wird auch klar, warum von Überlebenden der Prostitution die Rede ist. Diese Frauen haben ein System überlebt, das Sinne und Gefühle ersterben lässt. Ein System der brutalen sexuellen Gewalt, das auf der Empathielosigkeit der Freier aber auch vieler Frauen beruht, die denken, sexuelle Übergriffe abzuwehren, wenn sie ein paar Frauen als „Ventil“ opfern.

Derweil verdient der Staat an diesem Elend, vor dem er die Augen verschließt, kräftig mit und beruft sich auf das „Recht der freien Berufsausübung“. Dieser unerträgliche Zustand muss so schnell wie möglich beendet werden. Es ist nicht hinnehmbar, so Frau Dr. Kraus, dass politische Entscheidungen immer wieder mit fadenscheinigen Ausreden verschoben werden. Mit der Karlsruher Erklärung, die sie verliest und die dem Karlsruher Oberbürgermeister am nächsten Tag überbracht werden wird, soll jetzt ein Zeichen gesetzt werden: Von Karlsruhe soll das Signal ausgehen, eine Stadt nach der anderen abolitionistisch zu machen und Prostitution als das zu sehen, was es wirklich ist: eine furchtbare Form der sexualisierten Gewalt an Frauen und Mädchen.

 

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